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Amitai Etzioni und die Vision einer guten Gesellschaft - Vitalfunktionen des amerikanischen Kommunitarismus

Image by Pexels from Pixabay
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Mit der Industrialisierung ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Gründung großer Flächenstaaten in den USA, deren urbanisierte Bevölkerung zunehmend u. a. unsolidarisches Verhalten als psychosoziales Symptom zeigte. Etwa zeitgleich entstand in den USA der Kommunitarismus als sozialpolitische und politikphilosophische Bewegung, die den modernen Menschen als soziales Wesen sowie das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt und soziale Tugenden für unerlässlich hält. Die Schüler dieser Denkschule sollen die Sinnhaftigkeit, den Wert und die Relevanz von Gemeinschaft und sozialen Netzwerken erkennen und verinnerlichen. Daraus entsteht unmittelbar eine konkret-partikulare Pflicht, das positive Bild eines sozialen Verbunds zu schützen und aufrecht zu erhalten. Das führt nicht nur zu tugendhaftem Patriotismus auf nationaler Ebene, sondern bedeutet auch eine Verpflichtung in familiären, religiösen und anderen Gemeinschaften. Von ihren Mitgliedern wird erwartet, dass sie auf vorteilhafte Handlungsalternativen verzichten, sofern sie den gegebenen Normen widersprechen.

 

In den Jahren des organisierten Wohlfahrtskapitalismus der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre war anfangs eine eher passive Liberalismuskritik seitens der Kommunitaristen zentral. In den 1970er und 1980er Jahren fand in den USA dann zunehmend ein politiktheoretischer Diskurs dazu statt, dessen bedeutendster Vertreter der Soziologe Amitai Etzioni war. Er wurde 1929 unter dem Namen Peter Falk in Köln geboren, emigrierte in den 1930er Jahren nach Palästina und war später Professor an der George Washington University.

 

Nach 1990 begannen kommunitaristische, klassisch-republikanisch motivierte Gedanken in Gestalt eines aktiven Bürgertums unmittelbar die Sozialpolitik zu beeinflussen. Da sie zu konkreten Reformvorschlägen führten, wurden sie durchaus praxisrelevant. Ab Anfang des 21. Jahrhunderts erfuhr der Kommunitarismus eine erneute Akademisierung und es werden u. a. universalistische Ansätze verstärkt diskutiert.


Das Grundprinzip lautet nach wie vor: Menschen werden und bleiben nur Teil von Gemeinschaften, die sie selbst durch eigenständige und interessengeleitete Handlungen erzeugen, wobei sie aber keine über diese Gemeinschaften hinausreichenden Verpflichtungen eingehen.

Der klassische Republikanismus der Renaissance und Adam Smith’s unsichtbare Hand

Der klassische Republikanismus in der Tradition einer Mischverfassung wie wir ihn in der Renaissance finden können, hatte seine Wurzeln in der Antike. Er verbindet Monarchie, Aristokratie und Demokratie, wobei die Öffentlichkeit gemeinsam die politische Ordnung in Besitz nimmt und das Gemeinwohl fördert.


Im 18. Jahrhundert vertrat der schottische Moralphilosoph, Aufklärer und Begründer der klassischen Nationalökonomie Adam Smith, die Auffassung, Gemeinsinn und ein aktives Einbringen in das Gemeinwesen seien nicht notwendig für die Stabilität einer funktionierenden politischen Ordnung, sofern individualistisch motivierte Handlungen maximale Vorteile für das Gemeinwohl brächten. Mit anderen Worten: Der Zweck heilige die Mittel.


Im Gegensatz dazu bezieht sich der Kommunitarismus auf die traditionell-republikanische Grundvoraussetzung für die Funktionsfähigkeit von Demokratie, nämlich dass alle Akteure gemeinsam die politische Ordnung besitzen. Folglich müssten auch alle gemeinsam dazu beitragen, das Gemeinwohl zu fördern. Neu am Kommunitarismus war der soziale Raum als Prämisse, innerhalb dessen das passieren sollte. Demnach gelinge individuelle Potentialentfaltung nur innerhalb einer harmonischen, auf Gemeinsinn orientierten Gesellschaft, die für ein gutes Leben von hoher Bedeutung ist.

Das Ich braucht das Wir

Das anthropologische Bild vom Menschen ist dichotom. Im 17. Jahrhundert folgte der Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph Thomas Hobbes einem pessimistischen Ansatz und behauptete, der Mensch sei von Grund auf mit Sünde beladen und schlecht. Damit implizierte er, dass menschliche Zivilisation nur unter Zwang und kollektiver Reglementierung möglich sei.

 

Jean-Jaques Rousseau propagierte dagegen im 18. Jahrhundert ein optimistischeres Bild, das den Menschen als naturgegeben gutmütig charakterisierte. Der anthropologische Optimist sieht in Zwang und Reglementierung nicht die Folge, sondern die Ursache dafür, dass der Mensch erst sich selbst und dann dem Guten fremd werde, was letztlich zur Entmenschlichung führe.

 

Amitai Etzioni waren beide Pole zu statisch, denn sie wurden der universellen Natur des Menschen nicht gerecht. Das Gute sei aus anthropologischer Sicht nämlich keine natürliche Eigenschaft. Zu diesem Ergebnis kamen auch Aristoteles, Sigmund Freud und der Psychoanalytiker Erik H. Erikson. Seine Entwicklung sei vielmehr ein Prozess vom Pessimismus zum Optimismus, der in frühester Kindheit beginne und zeitlebens andauere. Dieser Prozess sei fragil und unterliege Bedrohungen durch einen ständigen Konflikt zwischen Moral und Trieb, sowie durch unsere Vergesslichkeit. Erworbenes Wissen über Werte müsse deshalb stetig aufgefrischt und ergänzt werden. Auch wenn bestimmte Normen einer Gesellschaft nicht vorsätzlich durch Außeneinwirkung negiert werden, müssten sich alle Mitglieder regelmäßig an sie erinnern können. Ein internalisiertes Wertesystem kann in diesem Zusammenhang hilfreich sein, um verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, wobei Gemeinschaften die Funktion von Vermittlungsagenturen übernehmen. Sie tun das vor allem über Rituale.

Ordnung und Autonomie im Gleichgewicht

Eine Gesellschaft ist die „Gemeinschaft der Gemeinschaften“. Sie sichert in den Beziehungen zwischen den partikularen Gemeinschaften Ordnung und Autonomie. Etzioni konstruierte zum Zweck der kommunitaristischen Analyse ein makrosoziologisches Gleichgewichtsmodell, das die skalenmäßige Fixierung einer Gesellschaft zwischen diesen beiden Polen ermöglicht:


Ohne soziale Ordnung ist eine Gesellschaft nicht lebensfähig. Weil darüber größtenteils ein Konsens ihrer Mitglieder besteht, erkennen sie, dass die Bekenntnis zu bestimmten Grundwerten eine notwendige Pflicht ist. Sie tun dies aus einer moralischen Überzeugung heraus. Diese extreme Konditionierung des „homo sociologicus“ erfolgt auf verschiedenen Wegen, z. B. durch religiöse Ideologisierung. Staaten, die auf Sanktionen zurückgreifen müssen, um Ordnung zu gewährleisten, sind in wesentlichen Gesellschaftsteilbereichen höchst unflexibel und überreguliert.


In der Autonomie herrscht dagegen Flexibilität und ein hoher Grad an Individualisierung. Strukturelle Veränderungen können sich mit hoher Geschwindigkeit vollziehen. Die fehlende Bindung an eine Gemeinschaft lässt den „homo oeconomicus“ jedoch nur nach dem eigenen Vorteil streben. Laut Etzioni ist die Autonomie sich selbst der größte Feind, denn die Auflösung der Gemeinschaft führt zu sozialem Rückzug, zu Kompetenzmangel und schließlich zu einem Individualitätsverlust des Einzelnen.


Beziehungen zwischen Individuen innerhalb einer kommunitären Gesellschaft sind zwar auch affektgeladen, dennoch ist der Einzelne dem verpflichtet, was er mit allen gemeinsam hat. In erster Linie ist es die Kultur, die sie eint und auf die sich jeder kommunitaristische Gedanke bezieht. Dazu gehören Werte, Normen, Symbole sowie gemeinsame Assoziationen zu Vergangenem und Visionen einer möglichen Zukunft. Dadurch zeichnen sich Gemeinschaften aus. Ohne kulturelle Gemeinschaft gibt es weder moralische Orientierung noch Sozialintegration, d. h. die Integration von Akteuren in eine soziale Ordnung. Die "gute" oder kommunitäre Gesellschaft stellt das Gleichgewicht wieder her. Ordnung und Autonomie gehen hier eine inverse Symbiose miteinander ein.

Kommunitarismus als Heilmittel gegen die Kinderkrankheiten der Moderne

Menschen sind soziale Wesen, die im Lauf ihres Lebens durch ihre Mitgliedschaft in unterschiedlichen Gemeinschaften, wie Familie, Nachbarschaft, Religion, etc. geprägt werden. Neben der kulturellen Prägung ihrer Mitglieder besteht die Sinnhaftigkeit solcher Sozialverbände außerdem in ihrer Fähigkeit, Werte zu vermitteln und Identität zu stiften, was in urbanisierten, industrialisierten Gesellschaftsräumen über Institutionen geschieht. Da diese aber mit liberalen, individualistischen Ansätzen und staatlichen Programmen in der Regel nicht erreichbar sind, war eine gemeinwohlorientierte Reform erforderlich.  Daraufhin prüften die liberalen Kräfte relevante Aspekte ihrer Theorien, woraus sie konstruktive Ergebnisse ableiten konnten. Dazu zählt z. B. das Konzept eines multikulturellen, liberalen Nationalismus. Das hatte wiederum strukturelle Auswirkungen auf demokratische Prozesse in Institutionen. So entstanden in den USA zahlreiche nicht-staatliche lokale Vereinigungen.


Die Kommunitaristen konnten den Liberalismus herausfordern weil die Aushandlung kontroverser gesellschaftlicher Normen in demokratische Strukturen eingebettet war. Die Sozialintegration der Moderne kultiviert eine grundsätzliche Offenheit für Konflikte. Dabei musste es zu keiner finalen Übereinstimmung kommen. Es bedarf vielmehr der fortlaufenden Irritation, um Flexibilität und Leistungsfähigkeit bestehender Ordnungen zu gewährleisten und Sozialintegration durch Konflikte zu verstärken. Das kann eine Quelle von Innovationen in Wissenschaft und Technik, in der Kunst oder in Bezug auf Lebensweisen sein. Überintegration durch übertriebene soziale Kontrolle und Freiheitsbeschränkung hemmt dagegen Kreativität und Innovationsbereitschaft. Dabei ist „blindes“ Vertrauen ebenso problematisch wie übertriebenes Misstrauen.

Sozialintegration: Eine Therapie der amerikanischen Gesellschaft

Amitai Etzioni forderte Anfang der 1990er Jahre im Rahmen einer interdisziplinaren Forschungsarbeit weitreichende politische Reformen und erstellte einen Maßnahmenkatalog zur Sozialintegration in den Bereichen Kindheit und Jugend, Schule und Familie. Mit dem Bild von Ehe und Familie als „Life-Style-Option“ konnte er sich nicht anfreunden. Stattdessen schlug er sowohl Hürden bei der Eheschließung, als auch Erschwernisse bei der Ehescheidung vor. Beides setze die Fähigkeit zu GEMEINSAM getroffenen Entscheidungen und GEMEINSAMER Verantwortung für das GEMEINSAME Leben voraus.


Außerdem beklagte er eine mangelnde soziale Zuwendung zu Kindern, vor allem in der amerikanischen Mittelschicht. Deshalb und aus einem Mangel an gegenseitiger Achtung und Wertschätzung könne sich so etwas wie eine „Stimme der Moral“ weder bei Kindern und Jugendlichen, noch bei Erwachsenen entwickeln. Stattdessen seien die Eltern mit Karriereplänen, Geldverdienen und Konsum beschäftigt. Die moralisch motivierte Erziehung an und Beziehung zu Kindern sei jedoch eine Berufung und von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft, eine höchst ideelle und emotionale Angelegenheit. Monetäre Betrachtungen im Sinne einer Kosten-Nutzen-Analyse seien hier vollkommen fehl am Platz. Sehr deutlich lehnte Etzioni auch die Delegierbarkeit dieser Aufgaben an öffentliche Institutionen ab.


Von einer wertebezogenen Charakterbildung und Erweiterung der inneren Stimme der Moral und der Wir-Identität durch Schulbildung erhoffte sich Etzioni in der Folge eine bessere Arbeitsmoral, eine Stabilisierung des Gemeinschaftsmodells Familie und einen Rückgang des „staatsbürgerlichen Infantilismus“, sowie der weit verbreiteten „Trittbrettfahrermentalität“. Gemeint war damit das Phänomen der regelmäßigen Korrelation individuellen Anspruchsdenkens bezüglich staatlicher Leistungen mit der Klage über zu hohe Steuern und Abgaben.


Nur in der Gemeinschaft habe der Mensch das Potential, um das Gute zu entfalten und die „innere Stimme der Moral“ wahrzunehmen. Voraussetzung dafür sei ein gelungener Selbstentwurf, eine vollständige Persönlichkeitsentwicklung und eine ausgeprägte Gemeinschaftsfähigkeit. Dies sei kumulativ nur durch soziale Integration und Interaktion möglich.

Kommunitaristische Liberalismuskritik

Der Kommunitarismus kritisierte auf der Grundlage einer soziologischen Analyse der Moderne vor allem einen gemeinschaftszersetzenden Individualismus und Liberalismus in den USA sowie schwindendes Sozialkapital, d. h. einen Mangel an Vertrauen und Kooperationsbereitschaft zwischen Gemeinschaften und innerhalb der Gesellschaft:

 

Das Konstrukt universeller moralischer Gleichheit

Liberalismus propagiert in hohem Maße Freiwilligkeit und Neutralität. In Bezug auf moralphilosophische Fragen scheitert er aber immer wenn es darum geht, ihn auf ein allgemeingültiges Moralpodest zu heben. Ersatzweise werden dann partielle, sachbezogene Moralurteile verallgemeinert und von ihrem kausalen, lokalen und temporalen Kontext entkoppelt. Die so entstandenen unverbindlichen Universalnormen sind weder begründbar, noch priorisierbar. Sie hängen dann quasi im luftleeren, kulturlosen Raum, sind nicht konkret anwendbar und bilden kein Fundament für ein politisches Gemeinwesen.


Ähnlich wie die Sprache, so entwickeln sich auch moralische Normen kulturgebunden und historisch durch Sozialisation, so das Resultat soziologischer Analysen. Sie entstehen, indem einzelne Akteure miteinander interagieren. Dies ist nur innerhalb einer Gemeinschaft möglich, womit sich der Liberalismus aber nicht verträgt. Es besteht die Gefahr, dass sich der Einzelne vom politischen Gemeinwesen abwendet. Opportunismus und mangelnde Solidarität können die Folgen sein.

 

Die Unverbindlichkeit und Bedeutungslosigkeit sozialer Eingebundenheit

Dem Liberalismus mangele es an Gemeinschaftssinn und Loyalität, stattdessen setze er auf die Automatismen der Marktwirtschaft und auf Freiheit vom Diktat der Gemeinschaft, das handlungsunfähig mache, kritisieren die Kommunitaristen.


Ausgangspunkt des Liberalismus ist die Autonomie des Individuums, dessen Ziel es sein soll, sich aus jeglicher Sozialisation zu lösen, damit es selbstbestimmt ein gutes Leben führen kann. Gelingt ihm das nicht, so trage die Einzelperson die alleinige Schuld daran.


Die Lösung sieht der Kommunitarismus in eigenverantwortlich agierenden Kommunen und einer starken Zivilgesellschaft, in die der Mensch in jeder Hinsicht eingebunden sein soll.

Liberalistische Kommunitarismuskritik

Kritik am Kommunitarismus kam und kommt vor allem aus konservativen Kreisen. Das Gesellschaftsmodell der Industriegesellschaft der 1960er Jahre mit seinen Konformitätszwängen, die Individualität und Kreativität unterdrückten, wurde als überintegriert kritisiert. In den späten 1960er Jahren begann das Pendel in Richtung einer Desintegration auszuschlagen.


Bislang scheint noch keine hinreichende Möglichkeit gefunden worden zu sein, wie sich negative Begleiterscheinungen der Konformität verlässlich abgrenzen lassen von den positiven Effekten von Gemeinschaft wie z. B. die Übung in Toleranz. Gemeinschaften können äußerst menschenfeindlich sein oder in Verklärung und Romantisierung abgleiten. Individualismus dagegen ist nicht kategorisch mit Egoismus und Rücksichtslosigkeit gleichzusetzen.


Erfährt das Individuum seine Prägung in und durch eine bestimmte Gemeinschaft, dann ist es mehr oder weniger von ihr abhängig. Von seiner Sozialisation könne er sich nie vollständig trennen und sei darin gefangen.

 

Darüber hinaus impliziere der Liberalismus keineswegs eine Verpflichtung zur Autonomie des Individuums hinsichtlich seiner Lebensgestaltung. Stattdessen dürfe jeder die soziale Rolle, die er spielen möchte, frei wählen. Es sei erlaubt, fremdbestimmt durchs Leben zu gehen, dann aber freiwillig. Letztlich verwechsle der Kommunitarismus hier Rechte mit Normen.


Kommunitaristen fordern, dass universelle moralische Prinzipien hinter partikularen Pflichten zurück treten müssen. Das kann weitreichende Auswirkungen haben, z. B. wenn nationalstaatlichen Interessen gegenüber internationalen Erfordernissen der Vorzug gegeben wird.

Die Erosion von Sozialkapital in westlichen Gesellschaften

Die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen Individuum und Gemeinschaft, Freiheitsrechten und Solidarität, patriotischer Identität und kultureller Pluralität, oder Nationalismus und Kosmopolitismus muss immer wieder neu gestellt werden und es muss einen Kernbestand allgemein akzeptierter Werte geben, der die Gemeinschaften untereinander zur Gesellschaft verbindet. Moderne Gesellschaften beruhen aber nicht auf einer übergreifenden Übereinkunft bezüglich geteilter Werte, Weltsichten, Religionen, politischer Überzeugungen, etc.


Wenn Regeln von vielen Akteuren einer Gemeinschaft regelmäßig missachtet werden und viele Mitglieder dieser Gemeinschaft davon Kenntnis haben, dann verlieren diese Regeln ihre bindende Wirkung und bereits etablierte Übereinkünfte mit einer gesellschaftlichen Sozialintegration werden aufgekündigt. So zeigen soziale Bewegungen, dass sie elementare Bestandteile einer bestehenden Gesellschaftsordnung nicht mehr anerkennen oder zumindest kritisch hinterfragen.


Die westliche Moderne zeigt sich meist tolerant gegenüber nonkonformem Verhalten und sie hat diese Toleranz institutionalisiert. Ablehnung und Kritik dürfen offen artikuliert werden. Sanktionen, die individuelle Freiheitsrechte verletzen, werden abgelehnt. Ob fehlende Übereinkunft sozialintegratives Verhalten verhindert, bleibt strittig. Zweifellos wirken sich jedoch Auffassungen von Sozialintegration, die eine gemeinsame Identität durch geteilte Werte betonen, nachteilig für diejenigen aus, die als Außenseiter gelten. Das gilt selbstverständlich vor allem und auf Dauer dort, wo soziale Ausgrenzung von Gruppen z. B. in Form von Gesetzen, institutionalisiert ist. Diese Gruppen können sogar die Mehrheit der Gesellschaft darstellen.


Personen, die Ausgrenzung fürchten, tendieren besonders stark dazu, sich sozial dort zu integrieren, wo grundlegende demokratische oder menschenrechtliche Prinzipien infrage gestellt sind.

Kommunitaristische Spuren im deutschen Rechtssystem

Wo Gesetze dem Gemeinwohl dienen und die Interessen des Individuums zurücktreten, erkennt man den kommunitaristischen Einfluss auf ein Rechtssystem. Das kann in Einzelfällen im Widerspruch zu den in der Verfassung verankerten Freiheitsrechten stehen, wird aber regelmäßig durch das Prinzip der Sozialstaatlichkeit relativiert, wie es in Artikel 20 des Grundgesetzes verankert ist. Zusammen mit der demokratischen Regierungsform bedeutet das den Schutz des Gemeinwohls und die Betonung gesellschaftlichen Zusammenhalts.


Auch der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist ein Indikator für kommunitaristische Einflussnahme im bundesdeutschen Rechtssystem: Eingriffe des Staates in Bürgerrechte sollen das Gemeinwohl fördern und schützen, müssen dabei aber angemessen sein.


Darüber hinaus zeigt sich das kommunitaristische Prinzip in Gestalt der vertikalen Gewaltenteilung: Da sich Bund, Länder und Kommunen in Deutschland Aufgaben und Befugnisse föderalistisch teilen, wird die Voraussetzung dafür geschaffen, dass bürgernah entschieden wird, öffentliche Interessen von Gemeinschaften in der Gesellschaft berücksichtigt werden und Einzelinteressen nachrangig behandelt werden können, sofern letztere dem Gemeinwohl nicht förderlich sein sollten.

Kommunitarismus als notwendiges Korrektiv zukünftiger Gesellschaften

Die Sozialintegration westlicher Gegenwartsgesellschaften ist spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts gefährdet. Scheitert sie, dann kommt es zu Konflikten, Vertrauensverlust und Rückzug. Der Kommunitarismus bietet hier weder für die Gemeinschaft, noch für das Individuum eine Universallösung, sondern gibt nur jeweils alternative Antworten. Ist eine negative Entwicklung erst einmal in Gang gesetzt, dann helfen auch keine zusätzlichen Restriktionen. Das lässt sich aus der Historie der westlichen Industrienationen ablesen.


Zumindest aber schrieb Etzioni dem Kommunitarismus eine ausgleichende Wirkung zu, denn die USA brauchten „eine funktionale Alternative zu den traditionellen Werten: Eine Mischung aus freiwillig akzeptierter Ordnung und gut geschützter, aber dennoch gebundener Autonomie.“

 

Für den US-amerikanischen Sozial- u. Moralphilosophen Michael Walzer sind Liberalismus und Kommunitarismus kein Gegensatzpaar. Er stuft den Kommunitarismus lediglich als Korrektiv der liberalen Gesellschaftslehre ein, ohne den sie ins Illiberale, Autoritäre verfalle. Die Einzelperson bleibe in seiner Optik Fluchtpunkt des Politischen, sie erhalte durch Einbindung in Familie, Freundeskreis oder Nachbarschaft nur mehr Tiefenschärfe.

 

Vor allem beschäftigte sich das Institute for Communitarian Policy Studies der George Washington Unviversity, Washington D. C. mit der Weiterentwicklung der kommunitaristischen Idee. Sie ist eine parteiübergreifende Forschungseinrichtung, die auf Grundlage politikwissenschaftlicher Analysen nach politischen Lösungen für die Gesellschaft sucht. Die Website ist nicht mehr erreichbar. Amitai Etzioni ist am 31.05.2023 verstorben.

© Katja Tropoja

Quellen:

  • Essay von Robert D. Putnam aus dem Jahr 1995 mit dem Titel "Bowling Alone: America's Declining Social Capital".
  • Etzioni 1997: „Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen     Demokratie“.
  • Geyer, Christian: Schluss mit der Rede vom sozialen Zusammenhalt!, FAZ v. 03.03.2025

 

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